Film - 降りてゆく生き方 · 4. September 2009
Letzten Samstag hat mich meiner Bekannten Michelle (Japanerin, welche eine Drehbuchautorin ist und einige Zeit in Hollywood war) zu der Premiere eines Films eingeladen, an dem sie mitgearbeitet hat.
Der Titel des Films ist 降りてゆく生き方 (Oriteyuku ikikata) was man ev. recht frei mit “Zurück zum natürlichen Lebensstil” übersetzen könnte. Die wörtliche Übersetzung wäre wohl eher “zum Lebensstil herabgehen”.
Ich will von der Geschichte nicht zuviel verraten, deswegen nur ein grober Überblick.
Außerdem hat man im Kino den Nachteil, dass man eine Stelle die man gerade auf Japanisch nicht verstanden hat, nicht einfach zurückspulen und sich nochmal anhören kann.
Es geht um das Dorf あおぞら(Aozora = Blauer Himmel) das sehr idyllisch in den Bergen liegt und das Ziel eines Konsortiums ist, das dort ein “Bali-Ressort” (Alles wie in Bali inklusive Reisterrassen) dort errichten möchte.
Man heuert den etwas heruntergekommen 川本五十六 (かわもと・いそろく – Kawamoto Isoroku) gespielt von dem in Japan recht bekannten 武田鉄矢 (Takeda Tetsuya) an, dessen einzige Begabung scheinbar das wohlfeile Reden ist.
Seine Aufgabe ist die verkaufsunwilligen Farmer zur Kooperation zu überreden. Ein besonders “harter” Brocken ist dabei 二宮常一 (にのみや・つねいち – Ninomiya Tsuneichi) gespielt von 苅谷俊介 (Kariya Shunsuke) der eine sehr traditionelle Farm in den Bergen bewirtschaftet die zufälligerweise Reisterrassen passend zu dem Bali-Thema des Ressorts hat.
Kawamoto startet dann auch seine Aufgabe genau dort und nach seiner recht rustikalen Ankunft bekommt er von dem etwas raubeinigen Farmer nach 2 Minuten Reden ein ebenso rustikales “Schnauze!” verpasst. (Irgendwie erinnerte mich der Farmer an den Almöhi bei Heidi)
Im Rahmen seiner Aufgabe trifft Kawamoto dann die Sakebrauerin 森 春子 (もり・はるこ) gespielt von沢田雅美 (Sawada Masami) welche nicht nur die Mutter des jungen Dorflehrers, sondern wie Kawamoto herausfindet, die Witwe eines alten Universitätsfreundes ist.
Alte Erinnerungen kommen hoch und langsam aber sicher fängt Kawamoto an seine Aufgabe zu hinterfragen und nach einigen Wendungen und nach erfolgreichem Abschluss seiner Aufgabe (Ninomiya stempelt ein Dokument des Konsortiums mit seinem Hanko) wandelt sich der Saulus zum Paulus und unterstützt am Ende den Sohn der Sakebrauerin der zum Schluss hin versucht seinen ökologischen Standpunkt mit seiner Wahl zum Bürgermeister durchzusetzen.
Dabei wird während des ganzen Films die ökologische Anbauweise Ninomiyas gezeigt der sogar keine Maschinen nutzt und auch eher lebt wie ein Farmern vor 100 oder mehr Jahren.
Wie gesagt ich will nicht die ganze Handlung des Films hier erzählen.
Die “Message” des Filmes ist prinzipiell relativ einfach, nämlich das Fortschritt und eine Lebensfähige Stadtentwicklung nicht auf Kosten der Natur sein müssen.
So will das Lager des alten Bürgermeisters mit der Hotelanlage auch einen Autobahnanschluss in die Innenstadt verbinden und viele andere Naturvernichtende Bauprojekte.
So ist der Film eine gute Darstellung der bedauerlichen aktuellen Zustände in der japanischen Kommunalpolitik wo viele Politiker versuchen Stimmen zu kaufen mit relativ unnötigen Bauprojekten.
Hinzu wird das ausbluten der ländlichen Regionen und das abwandern von Geldmitteln und Wirtschaft gezeigt welche dann mit solch zweifelhaften und am Ende oft extrem Naturschädlichen Projekten wie der Aozora-Rettungsplan mit seinem Bali-Thema-Hotelanlage es darstellt, bekämpft werden soll.
Es zeigt aber auch den wachsenden “Widerstand” in der Landbevölkerung der durchaus existiert in einigen Regionen und in meiner Meinung auch wächst.
Interessant ist auch wie, nachdem der Sohn der Sakebrauerin seinen Wahlkampf beginnt, die Herren in den dunklen Limusienen in seiner Nähe auftauchen und die Insassen das Publikum bei seinen öffentlichen Auftritten anpöbelt. Eine beliebte Methode in Japan, nicht nur von Mafia sondern auch Rechtsradikalen um Gegner einzuschüchtern.
Es wird auch übrigens gezeigt, wie die Polizei dabei seelenruhig zuschaut.
Nach der Filmvorführung und nach den Erläuterungen der Hauptdarsteller und der Produzenten zu dem Film hat mich meine Bekannte den Produzenten des Films (Ihres Zeichens eigentlich CEOs und Anwälte) und den Hauptdarstellern vorgestellt. Ich war ja schon vorher als einzige Langnase im Kino aufgefallen, der dazu noch höchst unauffällig mit seinen einsachtzig mittig in der letzten Reihe saß, aber diese persönliche Vorstellung war dann doch überraschend.
Nach dem obligatorischen austauschen der Visitenkarten (Merke auch als Privatperson sollte man immer welche besitzen! ;-) ), hatten wir dann eine anregende Unterhaltung über das Ziel des Films (ein Link dazu, leider nur auf Japanisch) wo es um die Daten des berühmten Club of Rome und dem Buch Grenzen des Wachstums ging. Darunter fragte mich die Herren Produzenten Takahide Morita (貴英 森田) und Kenji Isomura (健治 磯村) (der auch der Schauspieler und Charakter mit dem Namen 権藤栄作 – Gondo Easaku im Film spielt) auch um die dt. Sichtweise zu diesem Thema, wo ich ihm leider nur meine private Meinung natürlich darstellen konnte.
Insgesamt ein sehr freundliches Gespräch das nicht im üblichen Rahmen zwischen Tür und Angel geführt wurde. (Kaum wurde es bekannt, dass sich da einer der Produzenten mit einem Ausländer über den Film unterhält, hatten wir auch die Kamerateams und Fotografen dann um uns herum.)
Ich wurde auch den anwesenden Schauspielern vorgestellt, wobei Frau 大谷允保 (Otani Mitsuho, welche 石原舞子 (いしはら・まいこ – Ishihara Maiko) spielt, und ich uns schon kannten, wie ich später realisierte, nämlich von einem gemeinsamen TV-Film der Reihe (Kyoto Chiken no Onna).
Am Ende Bedankten sich die Produzenten nochmal, dass ich mir Ihren Film angesehen habe.
EDIT:
Hier noch ein Link zu einem Youtube Video mit einem Bericht in den Nachrichten über den Film.
— Michael Hess
Kommentare
Ohne Worte... oder doch mit? Intimes Zusammentreffen mit dem Japanischen Gesundheitssystem
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— Marcus · 05.09.2009 01:52 · #
Klingt interessant. Wie “typisch” sind denn so gesellschaftskritische Filme in Japan? Als Europa-Sesshafter denkt man bei Japanischen Filmen ja eher an Samurai-, Godzilla- oder Mecha-Filme.
Hmm … 川本五十六 … der heisst 56?
— Michael Hess · 05.09.2009 08:58 · #
Das ist das Problem, Gesellschaftskritische Filme in Japan werden IMHO vom Westen nicht wahrgenommen im Vergleich zu den SF/Horror und Samuraifilmen und da rede ich nichtmal von Anime die ja in Deutschland per se als “Kinderfilm” gelten.
Momonoke no Hime z.B. ist ein Film der sich extrem mit der Industrialisierung beschäftigt.
Ich denke es liegt daran das die “Symbolsprache” differiert zwischen Westlichen Ländern und Asiatischen Ländern in diesem Fall Japan.
IMHO ein Grund für viele Probleme und Missverständnisse besonders wenn man seinen kulturellen Hintergrund als Basis des anderen annimmt.
Zu dem Namen 五十六 (Isoroku) ist
a) sehr populär
b) der Vorname eines berühmten Admirals (Yamamoto)
c) und ja 5 10 6 als Kanji kann 56 als auch Isoroku heißen… Japanisch ist doch easy, oder? ;)
Ich habe versucht herauszufinden ob die Namenswahl eine tiefere Bedeutung hat, aber nur den Hinweise auf den Admiral bekommen.
— Marcus · 06.09.2009 03:07 · #
ええ、日本語はとても易しいです…
…時々. :/
Hmm, ich glaub ich geh mal wieder meinen rudimentären Vokabelschatz auffrischen, vielleicht finde ich ja noch die eine oder andere Gehirnzelle in der noch Platz für neue Wörter ist… ;)
— Gast · 08.09.2009 18:42 · #
Ist doch ganz einfach, Yamamotos Daddy war 56 als sein Sohn zur Welt kam…………..
— Michael Hess · 08.09.2009 18:55 · #
hehe… da kennt jemand Japanische Namensmarotten aber gut! :D
Manchmal haben Namen neben der offensichtlichen Bedeutung oft noch eine sagen wir mal kulturell versteckte. So gilt Isoroku lt. meiner LAG für sie als ein Name eines Lehrmeisters.. warum, konnte sie mir nicht bei meinem beschränkten Japanisch verständlich machen. :-/
— Gast · 08.09.2009 22:00 · #
@michael
Frag mal deine LG ob sie den Spruch kennt 「この身滅ぼすべし、この志奪うべからず」