Krankenhaus in Japan · 7. März 2010
Ich hatte es ja quasi versprochen meine Erfahrungen zu beschreiben.
Bislang hatte ich das Vergnügen einige Kliniken und deren Ärzte in Deutschland viel näher zu sehen als mir lieb ist. Darunter waren das Uniklinikum in Münster, Uniklinik Düsseldorf, Prosperhospital in Marl, Recklinghausen und Dortmund, Onkologische Spezialklinik in Herne und zu guter Letzt das Marienhospital in Haltern (Nicht immer als direkter Patient).
Und obwohl ich auf niemanden mit dem Finger im speziellen zeigen möchte schwankte die Qualität gewaltig und einige der Orte sind für einen Suizidversuch gut geeignet, vorausgesetzt man hat die richtige Krankheit und eine helfende Krankenversicherung.
Dar war z.B. ein Doktor (Onkologe) der im Chor mit der KV eine Ganzkörper Strahlenbehandlung mit lokalen 4 Gray (Oberfläche bis zu 10 Gray) ernsthaft vorschlug. Die Reaktion eines Radiologen, der die dazu notwendige Strahlenquelle kontrollierte, die mit „Er hat WAAAS vorgeschlagen?“ begann, war im weiteren Wortlaut, farbig und eindeutig.
Hier in Japan hatte sich bislang mein Kontakt mit Ärzten auf die jährliche Pflichtuntersuchung für Versicherte beschränkt, eine Einrichtung die ich sehr Unterstütze auch wenn der Umfang und Art der Untersuchung sicherlich zu verbessern wäre.
(Die Tatsache dass viele Ausländer z.B. die Röntgenuntersuchung auf TBC aufgrund der ihrer Meinung nach hohen Strahlenbelastung ablehnen, dürfte im Licht dessen das gerade in Deutschland die Fälle von, im besonderen nicht behandelbaren, TBC stark ansteigen in einem anderen Licht erscheinen.)
Seit letztem November hatte ich das zweifelhafte Vergnügen dann drei Krankenhäuser (VORSICHT! In Japan sind Kliniken (クリニク – Kuriniku) das, was in Deutschland einer Praxis entspricht.) näher kennenzulernen darunter die „Handai“ genannte Universitätsklinik in Osaka und das städtische Klinikum in Suita (吹田市民病院 – Suita Shiminbyouin).
In letzterem durfte ich im Januar/Februar eine ungewollte relative Langzeitbeobachtung machen.
Schon beim betreten der Krankenhäuser wird der technisch hochwertige Stand klar, nachdem man seinen persönlichen Asimo zugeteilt bekommen hat und mit subkutanen Mikrochips fürs EKG und Blutwertkontrolle versehen wurde….
Iiiirrrrrkkkkssss halt stopp! SOOOO weit sind wir nun ja doch nicht.
Im Allgemeinen sind deutsche Krankenhäuser und japanische Krankenhäuser nicht so verschieden.
Auch merkt man das z.B. städtische Kliniken finanziell nicht so gesegnet sind was sich, wie in Deutschland, zum Glück eher an der Bausubstanz als an den medizinischen Leistungen zeigt.
Wie sagt man so schön “Die kochen auch nur mit Wasser”, sprich in punkto medizinischer Versorgung muss man nix negativ exotisches erwarten. Man kann immer eine Rosine erwischen, klar, aber ich kenne auch mittlerweile dutzende schräge Erfahrungen aus dem medizinischen Bereich in Deutschland von mir und Verwandten.
Wie gesagt, medizinisch kein großer Unterschied.
Z.B. Chemotherapien werden professionell durchgeführt und auf Wunsch wird alles haarklein erklärt. Man merkt dass in Japan in Sachen Krebsbehandlung ein hoher Erfahrungsschatz vorhanden ist.
Eventuell liegt es aber auch daran das Suita eins der 5 Krebszentren in der Osaka Gegend ist.
Ich habe sogar das Glück, da der Doktor mitbekam das ich etwas Ahnung habe, das wir uns sehr oft über kleinere Details unterhalten. Gibt ein sehr angenehmes Gefühl von Augenhöhe.
Ok, nicht jeder wird mit seinem Doc über die Wirksamkeit und Nebenwirkungen der Medikamente so im Detail palavern wollen.
Aber “mein” Doc nimmt sich auch ab und zu bei den Visiten Zeit um über andere Sachen zu reden, z.B. Onsen und Freizeit“verhalten” aka Hobbys.
Gut, zurück zum Krankenhaus. Einchecken ist wie überall mit etwas Schreibkram verbunden.
Danach bekommt man z.B. eine Patientenkarte, welche bei häufigen Besuchen sehr hilfreich ist da man dann via “ATM” einchecken kann und später auch die Rechnung bezahlen kann.
Meine Frage ob man mit der Karte auch Punkte sammeln kann, wurde mit einem freundlichen Lachen beantwortet.
Nach dem Einchecken bekommt man einen Laufzettel mit einem Barcode drauf wo die Termine aufgelistet sind.
z.B.
10:00 Blutabnahme Raum-xyz
10:30 Dr. Sowieso Raum-zyx
Usw.
Durch den Barcode ist dann die jeweilige betreffende Person z.B. bei der Blutabnahme in der Lage die für sie nötigen Daten im Computer abzurufen, z.B. für welche Bluttest Blut abgenommen werden muss.
Wenn man Patient ist, ist die Sache sogar noch einfacher, da bekommt man ein Plastikarmband wo der Barcode drauf ist und man muss überall nur kurz seinen Arm hinhalten. :D
Im Großen und Ganzen ist das ganze Verwaltungstechnisch sehr computerisiert und IMHO effizient.
Ist man stationärer Patient so gibt es natürlich den typischen Klinikalltag.
Einen kleinen Unterschied gab es in Suita (ich weiss nicht ob es allgemein so ist), man wurde gebeten seine eigenen Stäbchen und Besteck (Messer, Gabel, Löffel) sowie eine Tasse mitzubringen. All das ist auch natürlich leihweise vom Krankenhaus erhältlich. Man muss sich also als Notfall keine Sorgen machen, dass man nicht essen kann, weil man kein Besteck hat.
Geweckt wird zu einer Krankenhaustypisch tödlichen Zeit 6:00
Dann kommt die Dame mit dem “O-Cha” schon und fragt ob man welchen möchte. Hier kommt die mitgebrachte Tasse ins Spiel! Mein ca. 500ml Alu-Themo-Starbucksbecher hat mir da gute Dienste geleistet.
Dann machen die Schwestern ihren Rundgang um Körpertemperatur, Blutdruck, Puls und was ev. noch nötig ist zu notieren. Das ganze wird direkt mittels Laptop dann in die Krankenakte auf dem Server eingetragen.
Um 8 gibt es Frühstück, meist Brot mit Marmelade/Käse sowie abwechselnd Obst oder ein Ei und faszinierender weise gelegentlich Hühnersuppe. Da meine Frühstückssitten im besten Falle mit “Französisch” beschrieben werden können, kam mir das frugale Mahl sehr entgegen.
Während der Frühstückszeit kommt die Krankenschwester der Tagesschicht vorbei: “Guten Tag ich bin die Frau yyy und heute für sie zuständig, bitte rufen sie mich jederzeit!”
Nach dem Frühstück und dem “Yorushiku onegai!” kann man anfangen mit den Daumen zu drehen, oder man wird darin durch Behandlungen unterbrochen.
Alternativ kann man ein Bad oder Dusche nehmen. Dazu sagt man der zuständigen Person Bescheid und wird dann in einer Liste eingetragen. Da meine Stationsnachbarn eher zu der liegenden (permanent) Sorte gehörten war die Liste bei uns recht kurz.
Vormittags ist auch die Zeit wo die zur Putzkolone abgestellten Schwestern durch die Zimmer ziehen und dem “Schmutz” den Kampf erklären.
Um 12 gibt es das nächste Highlight, Mittagessen.
Hierbei kann man am Anfang der Woche seine Wahl zwischen 2 Gerichte jeden Tag machen.
Das Mittagessen ist für ein Krankenhaus erstaunlich schmackhaft und von guter Qualität. Die Gerichte sind recht Japanisch aber es gibt auch gelegentlich sowas Ausgefallenes wie einen Nudelauflauf mit Käse überbacken.
Es gibt immer Gericht, Reis, Salat, Suppe, Tsukemono und Nachtisch (meist Obst).
Nach dem Mittagessen kommt die Dame mit dem O-Cha nochmal rum und man beginnt mit demselben Unterhaltungsprogramm wie am Vormittag.
Bis man so um 5 Uhr abends durch die Krankenschwester der Nachtschicht unterbrochen wird. “Hallo ich bin die Frau xxxx ich bin ab jetzt für sie zuständig”
Um 6 gibt es dann Abendbrot, oder man kann sagen Mittagessen 2.0, weil es gelten die gleichen Regeln und Auswahl wie beim Mittagessen.
Auch beim Abendbrot hat man jeden Tag zwei Gerichte zur Auswahl.
Und es ist genauso umfangreich wie das Mittagessen.
Der ereignisreiche Tag findet mit einem abschließenden Check der Vitalwerte um 22 Uhr mit dem großen “Licht aus!” seine Abschluss.
Die Station wo ich war hatte eventuell ca. 50-60 Patienten beiden Geschlechts (aber verschiedenen Zimmern natürlich!) bei einer Crew von 28+ Krankenschwestern (auf 2 Schichten) plus einem halben Dutzend “Lernschwestern” und 5 Ärzten
Wie es nicht anders sein kann merkt man auch im Krankenhaus den guten Service verbunden mit Höflichkeit und ich habe nur einmal erlebt das eine Krankenschwester bei einem Patienten etwas “aus der Rolle” fiel.
Ich finde das umso erstaunlicher, da der Job, genauso wie in Deutschland, nach meiner Meinung sehr anspruchsvoll und stressig ist.
— Michael Hess
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— Heydal · 08.03.2010 14:32 · #
Interessanter Einblick, der Personalbestand scheint mir eher auf der üppigen Seite zu sein, wenn ich das mit hiesigen Verhältnissen vergleiche. Es würde mich interessieren was das Pflegepersonal so verdient, hmmmmmm…. Bei uns haben die Pflegeberufe ja eher einen schlechten Status und sind wenig angesehen, was sich dann oftmals auch in der Entlohnung niederschlägt.
Was mir auffällt ist der Zwei-Schicht Betrieb, das sind dann schon sehr lange Arbeitstage, glaub da hätte ich Mühe, andererseits man gewöhnt sich ja an alles. Vielen Dank für deinen Krankenhaus-in-Japan Report. Die grösste Überraschung fand ich das mit den Hashi und der Tasse die man selber mitbringen soll. War mir sicher das läuft mit Einmal-Stäbchen und Plastikbecher.
— Michael Hess · 09.03.2010 07:13 · #
Ja es schien mir auch das es “mehr” Leute gab. Die Nachtschicht war z.B. mit 4 Leuten besetzt was ihnen die Gelegenheit gab reihum einen kleines Nickerchen einzulegen. Bei Arbeitszeiten von 17-8 Uhr aber auch ok.
Die Zeit zwischen 17-20 Uhr ist Flexzeit wo einige Schwestern noch etwas “länger machen” und somit ist der Wechsel von Tag auf Nachtschicht nicht so strickt bemerkbar.
Die Bezahlung ist lausig für die Art Job gesehen.
Viele der Damen waren Mütter mir 1-4 Kindern ;)
Und meine Frage wie das mit dem Schichtdienst besonders am Wochenende läuft wurde fast einhellig mit “Da muss der Gatte ran!” beantwortet… Aha!
— obi · 10.03.2010 02:36 · #
Danke für den kleinen Bericht, hast du mir die eigene Erfahrung erspart um zu gucken wie es in Japan in diesem Bereich aussieht.
Wie ist es denn das mit den Kosten ? Man munkelt man muss beim normalen Arzt besuch 30% selber blechen, ist dies auch im Krankenhaus der Fall bzw. bei einem Unfall ?
— Michael Hess · 10.03.2010 15:07 · #
@obi
Ja man ist bei allem mit 30% dabei. (die Genau Prozentzahl ist etwas Altersabhängig)
Aber im Gegensatz zur USA z.B. muss niemand vor dem Krankenhaus verbluten (schon garnicht als Notfall).
Alle Kosten werden im Falle eines Falles gestundet oder wenn man “arm genug” ist springt der japanische Staat ein.
Die Abrechnungen sind sehr detailliert es ist genau gelistet wieviel z.B. für den Arzt anfallen oder wieviel die Medikamente gekostet haben.
Ich finde das sehr gut da man so mal sieht wo der Zaster bleibt.
(Ist ja im Moment in Deutschland aktuell, wo die Versicherungen z.Z. einigen Krankenhäusern Behumps vorwerfen.)
In meinem Fall mit dem Krankenhaus waren das:
Essen (食事療養) 73 Mahlzeiten: 18980 Yen
Medizinisches Management (医学管理等): 11200 Yen
Eintrittspreis/Hospitalisieren (入院料): 6000 Yen
Umfassende/allgemeine Behandlung (包括療養): 1453240 Yen
Medikamente (投薬): 7890 Yen
CT (画像診断): 1800
Macht in der Summe: 1499110 Yen oder aktuell 11992,88 Euro davon 30% = 3597,86 Euro für 24 Tage Krankenhaus.
Jede einzelne Chemotherapieinfusion zu 9h Spass beläuft sich da auf:
Arzt (診察/検査): 2260 Yen
(Infusion legen und “Visite” jedes Mal fast 1h)
Infusion/Chemotherapie (注射): 391600 Yen
(Geht an ROCHE und Co.)
macht 393860 Yen oder 3450,80 Euro davon 30% = 945,26 Euro
Von diesen Infusionen werde ich bis Ende März dann 8 bekommen haben.
Die Ausstellung eines Attestes für die Firma ist hingegen spottbillig.
院外処方せん料: 680 Yen
Ok alles aber nicht sooo düster, man kann den Selbstbehalt im nächsten Jahr von der Steuer absetzen (sofern man Steuern zahlte).
Und es gibt eine je nach Versicherung verschiedene Obergrenze bis zu der man ran muss.
Der Catch22 ist… man muss alles vorleisten und bekommt es dann wieder ersetzt.
Die in der beziehung “günstigste” sind die nationale Versicherungen (Shakai Hokken/Kokumin Hokken) welche niedrige Grenzen für den Selbstbehalt wohl haben, aber im Gegenzug in den monatlichen Beiträgen recht teuer sind (AFAIK).
(1Euro=125Yen)
— umij · 12.03.2010 04:15 · #
ich weiß, ich liege oft mit meiner Meinung nicht mit der des Autors des hiesigen Blogs überein, aber trotzdem:
Ich finde, daß japanische System bei der Krankenversicherung ist ziemlich unsolidarisch. Jemand der gesund ist und viel verdient, der sollte auch hohe Beiträge zahlen. Jemand der einen Schnupfen hat und zum Arzt rennt, darf von mir aus auch ruhig 50% oder mehr bezahlen dürfen.
Wenn aber jemand wirklich ernsthaft aus der Bahn geworfen wird und sowieso schon genug Probleme hat (außer der Krankheit an sich z.B. der drohende Verlust des Arbeitsplatzes etc.), der sollte sich nicht auch noch um Geld Sorgen machen müssen.
Das ist imho das eigentliche Prinzip von Versicherungen.
Klar kann man abstottern, aber sollte man als Kranker dann noch Schulden aufgehalst bekommen bzw. Ersparnisse draufgehen lassen?
Natürlich ist es mit Gesundheitssystemen so eine Krux, es gibt kein Perfektes und viele Länder haben Probleme, trotzdem hab ich manchmal das Gefühl, wenn man in Japan nicht Unterstützung durch Familie, Freunde etc. hat und krank wird, dann kommt so ne Art “Jetzt gib ihm erst recht!”
— obi · 12.03.2010 06:47 · #
Ich glaube du hast sein Kommentar nicht gelesen @umij: “Ja man ist bei allem mit 30% dabei. (die Genau Prozentzahl ist etwas Altersabhängig)
Aber im Gegensatz zur USA z.B. muss niemand vor dem Krankenhaus verbluten (schon garnicht als Notfall).
Alle Kosten werden im Falle eines Falles gestundet oder wenn man “arm genug” ist springt der japanische Staat ein.”
Hatte auch kurz deine bedenken, da ich mich auch gefragt hatte was mit den Leuten passiert die gar kein Geld haben. Dies scheint aber doch solidarisch geregelt zu sein. Im gegensatz zu den Kollegen in der USA denn dort ist man richtig am A. falls man nicht versichert ist.
Danke für die genaue Beschreibung michael
— Michael Hess · 12.03.2010 08:02 · #
@Umiji
Der Krankenversicherungsbeitrag ist natürlich Einkommensabhängig und somit voll im solidarischen Gedanken wie Versicherungen funktionieren sollten!
Inwieweit man die 30% Zuzahlung ev. von der Krankenversicherung ersetzt bekommt, ist auch Einkommensabhängig. Hohe Einkommen bekommen nix von den 30% ersetzt.
(Das hatte ich vergessen zu sagen!)
Wenn man die Kosten bei der Steuererklärung absetze sind Leute mit kleinen und mittleren Einkommen u.U. im Vorteil, weil sie schneller unter die 1Mio Yen Grenze kommen wo man keine Steuer bezahlen muss.
Ok das mit dem von der Steuer absetzen ist aber eh eher ein “Gimmick” da man ja nur weniger Steuern zahlen muss die eh in Japan schon relativ niedrig sind.
Das Japanische System ist um Längen besser als alles in den USA vorhandene (lt. einem dt. Kollegen der dort lebt).
Und ich finde sogar das System u.U. etwas besser als das deutsche weil
a) Kostenbewusstsein entsteht und der Selbstbehalt klar und dauerhaft erkennbar ist (Wer weiss denn das schon in der BRD zur Zeit :-/ ).
b) Durch die Rechnung erfährt der Patient WO sein Geld bleibt (in meinem Fall Pharmaindustrie mit >90%)
c) Es IMHO keine zwei Klassen Medizin gibt, also keine Extrawurst für “Privatpatienten”.
Ich fühle mich auf jeden Fall hier erstklassig behandelt, im Gegensatz zu meinen Erfahrungen im guten alten Deutschland.